Africa Positive: »Wir bringen Joseph Kony durch Facebook zu Fall« oder so ähnlich

KONY 2012 – ein PR-Hype, der seines Gleichen sucht. Seit Anfang März dieses Jahres wurde der gleichnamige Film allein auf YouTube mehr als 80 Millionen Mal angeschaut. Jason Russell, der den Film gedreht hat und zudem Mitbegründer der in San Diego ansässigen Organisation Invisible Children (IC) ist, hat sich eins auf die Fahne geschrieben: die weltweite Bekanntmachung und Bekämpfung der Gräueltaten der Lord’s Resistance Army (LRA) unter ihrem Anführer Joseph Kony. Zunächst klingt dieses propagierte Ziel der IC-Kampagne richtig und gut. Und in der Tat ist daran grundsätzlich auch nichts auszusetzen, aber bei einem genaueren Blick ist die gewählte Herangehensweise doch als problematisch einzustufen.

Russells Simplifizierung

Recht zu Beginn des Films erklärt Russell seinem Sohn Gavin, wer »der« Böse und wer »der« Gute in dem Konflikt sei. Jacob, ein ehemaliger Kindersoldat von Joseph Kony, sei hierbei »der« Gute und Kony – wer auch sonst – »der« Böse. Gewiss sind die entführten Kinder, die entweder als Kindersoldaten oder Sexsklavinnen von Kony und seinen Schergen missbraucht werden, einer der Hauptleittragenden. Und selbstverständlich sind die Taten von Kony abscheulich. Doch Russell verliert weder in dieser Szene noch in seinem gesamten Film ein einziges Wort über die Menschenrechtsverletzungen der ugandischen Regierung oder ihrer Armee. Zwar versucht IC sich auf ihrer Webseite zu rechtfertigen, man nehme weder die ugandische Regierung noch ihre Armee »in Schutz«, aber die Verbrechen im Film gänzlich zu unterschlagen, ist per se schon eine Aussage für sich. Das Gefährliche hierbei ist, dass man dadurch indirekt vermittelt, dass die Opfer und Verbrechen der LRA mehr Aufmerksamkeit genießen müssten als die der Regierung oder ihrer Armee.

Krieg als Lebensgrundlage

Eine eminente Frage sollte man eigentlich Russell und seinen IC-Kollegen stellen: wie viel Sinn macht es, allein Kony festzunehmen und dem Internationalen Strafgerichtshof zu überstellen, der ihn mit Haftbefehl wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen schon seit Jahren sucht. Die Antwort darauf ist völlig unstrittig: durch Konys Festnahme wird die Gewaltspirale nicht durchbrochen, sondern man vergrößert möglicherweise sogar das Leid der Bevölkerung vor Ort. Denn man ist auf die Kooperation mit den jeweiligen Regierungen, die selbst massenweise Blut an den Händen kleben haben, angewiesen, um überhaupt einen solchen Haftbefehl zu vollstrecken, und könnte ihre Handlungen dadurch legitimieren. Das, was den Menschen vor Ort hilft, ist nicht Kony alleine festzunehmen, denn dann nimmt nur jemand anderes seine Stellung ein. Das, was den Menschen hilft, ist vor allem ein langfristiger Frieden, bei dem der Krieg nicht mehr als Erwerb des eigenen Lebensunterhalts der Milizen angesehen werden muss. Den Milizen müssen Alternativen zum Brandschatzen, Plündern und Stiften von Chaos angeboten werden. Doch dies braucht seine Zeit und ist sicherlich nicht bis zum Ende des Jahres erreicht.

Kony und andere Konflikte

Der renommierte Afrika-Experte Alex de Waal betonte kürzlich, dass er eine große Gefahr in der Art und Weise sieht, wie durch IC Aufmerksamkeit auf die LRA-Problematik gelenkt wird. Er argumentierte, dass die sehr begrenzte Zeit der politischen Entscheider zu sehr mit Anfragen und Kritik von Aktivisten in Anspruch genommen werden könnte, anstatt sich um die wirklichen Problemen vor Ort zu kümmern. Völlig zu Recht äußert er die Sorge, dass die Verfolgung Kony somit auch ein V.I.P.-Status erhalten und andere Probleme von der Agenda der US-Außenpolitik verdrängen könnte.

Die »Armee« der sozialen Netzwerke

Auf Grund der Herausforderungen, die nicht nur die Menschen in Nord-Uganda, sondern vor allem auch in der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo und der Republik Südsudan zu meistern haben, ist es doch äußerst fragwürdig, wie dies durch ein »Gefällt mir« bei Facebook erreicht werden soll. Das Medium Facebook wie auch andere soziale Netzwerke ist hierbei nicht der richtige Ort. Der richtige Ort ist vielmehr Zentralafrika. Aber vielleicht sollten Russell und seine selbsternannte »Armee« ihre Naivität sein lassen. Die Menschen in den betroffenen Regionen brauchen richtige Partner vor Ort, die mit ihnen gemeinsam den Weg in Richtung Frieden beschreiten.

Zu guter Letzt fragt man sich, welche Ignoranz Teile der westlichen Welt aufbringen müssen, damit das seit 25 Jahre andauernde Morden – trotz der zahlreichen Berichte – erst durch einen solchen reißerischen Film in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt werden konnte.

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