Interview with the Nobel Peace Prize Laureate Shirin Ebadi: »Sie warten nur auf einen Funken«

On the economic situation in Iran and the presidential elections in June 2013

Interview: Tobias Simon

zenith: Im Juni 2013 finden die nächsten Präsidentenwahlen statt, Mahmud Ahmadineschad kann nicht mehr antreten. Was kommt nach ihm?

Schirin Ebadi: Die Situation im Iran ist kompliziert und komplex. Es ist zwar richtig, dass Ahmadineschad nicht ein drittes Mal hintereinander Präsident werden darf, aber er bemüht sich darum, jemanden aus seiner Clique an die Macht zu bringen. Das möchte Khamenei, der Oberste Rechtsgelehrte, selbstverständlich verhindern. Die Reformkräfte wiederum versuchen durchzusetzen, dass eine freie, demokratische Wahl stattfinden kann.

Lässt sich eine Tendenz erkennen, welche Gruppe dieses Machtpoker gewinnen wird?

Es ist nicht einfach, Voraussagen zu treffen. Man kann aber sagen, dass die Revolutionsgarden entscheidend sein werden. Die Seite, die sie unterstützen, wird die Macht an sich reißen. Dabei steht eines fest: Die Revolutionsgarden werden sich nicht auf die Seite der Reformkräfte schlagen.

2009 protestierte die »Grüne Bewegung« gegen die mutmaßliche Wahlfälschung, das Regime ging dagegen mit aller Härte vor. Heute hat man den Eindruck, dass die Opposition entmutigt und zum Schweigen gebracht worden ist. Stimmt das?

Die Opposition ist nicht zum Schweigen gebracht worden. Die Demonstrationen in den Straßen haben ein Ende gefunden, das ist richtig. Aber auf der anderen Seite ist die Unzufriedenheit in der Bevölkerung größer geworden. Diese unzufriedenen Menschen schweigen jetzt. Aber sie warten nur auf einen Funken, um wieder ihre Stimmen zu erheben.

Was könnte ein solcher Funke sein? Eine Wahlfälschung bei der Präsidentschaftswahl?

Angesichts der Tatsache, dass die Armut in Iran zugenommen hat, denke ich, dass dieser Funke ein ökonomischer sein wird.

Beispielsweise eine starke Inflation, wie es sie im vergangenen Herbst gab?

Niemand weiß, wann und wo dieser Funke entspringen wird. Die Armut in Iran hat ein solches Ausmaß erreicht, dass sogar das Regime sehr unruhig geworden ist. Immer mehr Fabriken schließen, und alle gesellschaftlichen Schichten beklagen die Teuerung. Die Unzufriedenheit der Menschen hat unheimliche Dimensionen angenommen.

Im Dezember 2012 haben Sie im Namen der Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh und des Filmemachers Jafar Panahi den Sacharow-Preis des Europaparlaments entgegengenommen. Helfen solche Preise den betroffenen Personen in Iran? Oder verschlechtern sie möglicherweise sogar deren Lage?

Diese Preise vergrößern die Gefahr, der Menschenrechtsaktivisten in Iran ausgesetzt sind, auf keinen Fall – im Gegenteil. Nach der von Ihnen erwähnten Preisverleihung bekam Nasrin Sotoudeh, die in Iran in Haft ist und seit zweieinhalb Jahren keinen Hafturlaub bekommen hatte, beispielsweise einen dreitägigen Hafturlaub. Und etwas später erhielt sie anlässlich des Todes ihrer Mutter einen weiteren Tag Hafturlaub. Ein Jahr zuvor, als ihr Vater starb, hatte sie dagegen noch keinen Hafturlaub bekommen. Solche Preise und das damit verbundene öffentliche Interesse führen also einerseits dazu, dass die Situation der Menschen, die im Gefängnis sitzen, besser wird. Und andererseits wird die Weltöffentlichkeit darauf aufmerksam, wie schlimm die Menschenrechtssituation in Iran ist.

Interpreter: Aboulghasem Zamankhan

Shirin Ebadi is a lawyer and the first female judge in the history of Iran. She received in 2013 the Nobel Peace Prize for her human rights commitment. Since 2009, she lives in exile in the United Kingdom.

Published on Zenith.